Dr. Falk Richter, Dipl.-Psych.

Dr. Falk Richter,
Dresden




02.07.2013:

Die Stärken von Introvertierten im Berufsleben nutzen

Tags: Personalauswahl und Personalmarketing


Menschen unterscheiden sich in ihrer Persönlichkeit. Zu den besonders herausstechenden Persönlichkeitsmerkmalen gehört dabei die Dimension Extraversion - Introversion. Man spricht häufig auch von den Extravertierten und den Introvertierten. Allerdings handelt es sich streng genommen nicht um zwei Kategorien, sondern um eine Dimension mit zwei Extrempolen. Wir alle befinden uns irgendwo auf dieser Dimension angeordnet und verhalten uns in unterschiedlichen Situationen mehr oder weniger stark introvertiert oder extravertiert.

Manchmal hat man den Eindruck, dass extravertiertes Verhalten eher erwünscht und Extravertierte häufig im Vorteil sind. Sie sind handlungsorientiert, gehen unbefangen auf andere Menschen zu und treffen schnell Entscheidungen. Die Stärken von Introvertierten werden erst auf den zweiten Blick sichtbar und sind manchem Außenstehenden aber auch den Introvertierten selbst häufig nicht bewusst.

Dabei sind - speziell im Berufsleben - je nach Position und Aufgabe unterschiedliche Qualifikationen, Kompetenzen und Persönlichkeitseigenschaften von Bedeutung.

Für Verkäufer mag es günstig sein, auf Menschen zuzugehen, sich selbst und andere begeistern zu können. Manche Personaler meinen sogar, dass ein Verkäufer gar nicht zu viel über ein Produkt wissen soll. (Bei manchen Verkäufern, speziell im Telefonmarketing, kommt mir das auch so vor.)

Ein Einkäufer sollte allerdings in der Lage und bereit sein, Angebote genau zu prüfen und zu vergleichen. Und sich nicht allzu schnell begeistern lassen. Dasselbe gilt für Mitarbeiter im Controlling, Konstruktion usw.

Moderne Stellenanzeigen z.B. für IT-Spezialisten oder Mitarbeiter im Controlling, denen eine fundierte Analyse der Anforderungen zugrundeliegt, berücksichtigen das.

Speziell in Aufgaben, bei denen es um die Schaffung von Innovationen und das Lösen von Problemen geht, sind heterogen zusammengesetzte Teams zu empfehlen. Hier sollte es in einem Team einerseits Personen geben, die eine Sache vorantreiben und die anderen motivieren, aber auch Analytiker und Querdenker, die auf kritische Punkte hinweisen und den "Advocatus diaboli" spielen. "Leise Menschen" (ein von Sylvia Löhken geprägter Begriff, Buchtipp: "Leise Menschen - starke Wirkung: Wie Sie Präsenz zeigen und Gehör finden"), die eine Sache erst einmal genau durchdenken. Werden solche Personen aus dem Team ausgeschlossen, so besteht die Gefahr, dass sich ein gefährliches Gruppendenken etabliert, das die Realität zunehmend ausblendet.

Introvertierte wie auch Extravertierte haben jeweils Stärken, die bei der Bearbeitung unterschiedlicher Aufgaben zum Tragen kommen.

Zu den Stärken von Introvertierten gehören analytisches Denken, das genaue Abwägen von Risiken, konzentriertes Arbeiten an einem Thema auch über längere Zeiträume und Beharrlichkeit. Sie lassen sich nicht so sehr durch das Urteil anderer beeinflussen, sondern folgen ihren eigenen Prinzipien. Sie können sehr gut zuhören. Was sie z.B. in besonderem Maße für die Tätigkeit als Therapeut oder Coach qualifiziert, wo es nicht sinnvoll ist, ständig etwas zu sagen und vorschnell Lösungen anzubieten. Sie kommunizieren weniger gern verbal, können sich aber häufig sehr gut in Textform ausdrücken (was dem Extravertierten nicht immer so gut liegt).

Introvertierte stehen allerdings vor besonderen Herausforderungen, wenn es darum geht, schnelle Entscheidungen zu treffen und schnell zu handeln oder andere von ihren Ideen zu überzeugen.

Wie introvertiert oder extravertiert wir sind, ist zum Teil erblich bedingt. Zum anderen resultiert es aber auch aus den Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens vor allem in sozialen Situationen gesammelt haben. Die Merkmalsausprägung ist dabei relativ stabil.

Man sollte nicht versuchen, sich selbst oder andere bezogen auf ein solches stabiles Personenmerkmal zu ändern. Zwar ist es möglich, zur Bewältigung konkreter Situationen effektive Strategien zu entwickeln (z.B. wie man als Introvertierter mit Small Talk umgeht). Allerdings sollte man sich als Introvertierter und auch als Extravertierter nicht verbiegen oder verbiegen lassen. Vielmehr sollte man sich seiner Stärken bewusst sein und sich immer die Situationen suchen, in denen man diese Stärken auch ausspielen kann. Man sollte auch versuchen, sich die Situation entsprechend zu gestalten.

Eine Arbeit sollte dabei auch von Organisationsseite her so gestaltet sein, dass sie individuellen Spielraum für persönliche Ausgestaltung beinhaltet. Dass man z.B. konzentriert an einer Sache arbeiten oder auch einmal zwischen Aufgaben zu wechseln kann. Dass man sich einerseits zum konzentrierten Arbeiten zurückziehen aber zwecks Austausch und Kooperation auch auf Kollegen zurückgreifen kann. Ein Beispiel für schlecht gestaltete Arbeit ist dagegen die Tätigkeit eines Vertriebsmitarbeiters, der ständig auf Anrufe reagieren muss, sich nicht auf andere Arbeiten konzentrieren kann, die ebenfalls zur Aufgabe gehören und dabei ein intensives Nachdenken erfordern. Auch wenn das immer noch einige Führungskräfte anders sehen: Nichts geht einfach so nebenbei!

Hier noch einige Literaturempfehlungen für Introvertierte - für ein erfolgreiches Agieren im Job und anderen Bereichen:



Sylvia Löhken:
Leise Menschen - starke Wirkung: Wie Sie Präsenz zeigen und Gehör finden


Susan Cain:
Still: Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt


Devora Zack:
Networking für Networking-Hasser: Sie können auch alleine essen und erfolgreich sein!

Und noch zwei Linktipps:

Offener Brief an introvertierte Menschen

Partnersuche für Introvertierte

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Zu diesem Thema biete ich Ihnen beispielsweise Vorträge und Beratung im Hinblick auf Personalauswahl und Personalmarketing an: Kontakt

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